Neun Beispiel-Reportagen zum Thema Armut

Wohin flossen die Spenden der Aktion "Nachbar in Not"? Die folgenden neun Reportagen geben beispielhaft Antwort auf die Frage. Gespendet haben die Leser der Rhein-Zeitung (Koblenz); der Spenden-Verwalter ist der Verein "Helft uns leben". Zwischen Verein und Spenden-Empfängern wiederum vermittelten hauptamtliche und unentgeltlich tätige Mitarbeiter der AWO Rheinland. Die Personenangaben in den Reportagen sind so verändert, dass die Identität der Spenden-Empfänger nicht erkennbar ist.

Beispiel 1
Leben mit angezogener Handbremse

Ein kleiner Haufen Schulbücher, eine große finanzielle Belastung für die Familie. Foto: Axel Holz

KREIS MAYEN-KOBLENZ. Die Armut ist sauber, aufgeräumt und freundlich. Sie sieht gar nicht bedürftig aus. Und doch ist es Armut. Die 6-köpfige Familie mit Vater, Mutter und vier Kindern im Alter von neun bis 20 Jahren verbirgt sich hinter einer Fassade der Normalität: Sie bewohnt eine Mietwohnung in einer eher ländlichen Gegend; die Kinder sind in der Schule fleißig und leidlich erfolgreich; die Familie ist Mitglied im Sportverein; und das mehr als zehn Jahre alte Auto wird gepflegt. Unnormal ist, dass die Familie im Monat mit rund 1500 Euro auskommt, auskommen muss.

Der genannte Betrag muss für alle Ausgaben reichen, einschließlich Miete, Miet-Nebenkosten, Benzin und andere Kraftfahrzeug-Kosten, Essen, Kleidung und und und. Nur die Schüler-Busfahrkarten sind kostenfrei. Auf der Einnahmeseite stehen Bezüge nach Hartz IV, das Kindergeld und 100 Euro, die die Mutter durch eine geringfügige Beschäftigung einbringt. Der Vater findet seit Jahren keine Arbeit. Die Familie befindet sich am Anfang einer Privat-Insolvenz. So etwas dauert etwa sechs Jahre.

Die Möbel stammen noch aus Eigenheim-Zeiten, die die Familie auch einmal erlebt hat. Neuanschaffungen: Fehlanzeige. Der Kauf eines Bettes wird immer wieder verschoben. Derweil liegen zwei Matratzen auf dem Boden. Urlaub und Ausflüge: Kommt nicht in Frage, weil viel zu teuer. Ein Besuch im Kölner Zoo würde etwa 40 Euro kosten plus Fahrtkosten. Zu teuer! Die Kleidung stammt aus Secondhand-Gelegenheiten, ist Ausverkaufsware und dann und wann ein Schnäppchen. Tageszeitung und Zeitschriften: Keine.

Sonstige Daueraufträge für Konsumartikel: Keine. Beständig ist die Angst, dass etwas passieren könnte, was Geld kostet. Zum Beispiel könnte das eine alte Auto kaputt gehen. Die Waschmaschine könnte sich unter der Last einer 6-köpfigen Familie verabschieden. Geld für eine kleine Rücklage gibt es nicht. Der mehr als fünf Jahre alte Computer muss auch noch eine ganze Weile reichen, so langsam er auch ist. Ohne Computer kommen die Schulkinder tatsächlich nicht mehr aus. Die Kinder sind alte Lehrmittel inzwischen gewöhnt.

Rund 1000 Euro kosten die Schulbücher allein in diesem Jahr. Der Lehrmittel-Gutschein deckt 450 Euro. Woher die 550 Euro nehmen und nicht stehlen? Die Bücher werden gebraucht gekauft. Das kostet aber auch wenigstens 150 bis 200 Euro. Die Kosten für eine Klassen- oder Klassen-Abschlussfahrt müssen aus Hilfsfonds fließen, ansonsten fährt das Kind eben nicht mit. Geburtstagsfeiern, Konfirmationen, Weihnachtsfeiern sind an sich schöne Anlässe, keine bedrückenden. Doch wie feiern, wenn die materielle Grundlage fehlt?

Sollte eines der Kinder auf die Idee kommen, zur Bundeswehr zu gehen, um dort zu studieren, dann käme die verbleibende Familie in eine schier aussichtslose Lage. Der Verlust an Kindergeld und Kinderfreibetrag läge bei über 400 Euro. Solche Ideen werden schnell verworfen. Die Kinder nehmen im Übrigen ihre eigene und ihre gesellschaftliche Umwelt sehr gewusst wahr. Sie akzeptieren vorerst die ungute finanzielle Situation, ohne den Eltern Vorwürfe zu machen. Wer Taschengeld braucht, verdient es sich selbst.

Was bleibt der Familie zu tun? Sie hofft, dass der Vater trotz Privat-Insolvenz wieder eine Arbeit findet, die wenigstens so viel einbringt wie die Hartz-IV-Zahlung. Sie hofft, dass um Gottes willen nichts passiert, was Geld kostet. Sie hofft, in absehbarer Zukunft nicht mehr dauerhaft mit angezogner Handbremse leben zu müssen. Sie hofft nicht mehr auf einen Wäschetrockner, weil der ja teuren Strom kosten würde.

Die Familie erbat von der Aktion „Nachbar in Not“ des Vereins „Helft uns leben“ Winterkleidung für die Kinder und – wenn es ginge – eine Kleinigkeit auch für die Eltern. Die Bitte wurde erhört. Der „Verein helft uns leben“ stellt der AWO Rheinland einen größeren Betrag für die Aktion „Nachbar in Not“ zur Verfügung. Ein bestimmter Betrag davon steht der Familie jetzt zur Verfügung. AWO Verantwortliche vor Ort gehen mit der Familie Winterkleidung einkaufen – sowie vier kleine Geschenke für die Kinder. (ah)


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